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Ein Jahr beim Self-Publishing-Verlag – Was sich für mich verändert hat

Autorenberater Interview

Liebe Lisa,

seit einem Jahr bereicherst du jetzt unser Team mit deinem Input und Know how. Wir haben dich als Kollegin sehr schätzen gelernt und sind immer wieder dankbar dafür, dass du uns an deiner langjährigen Erfahrung teilhaben lässt und uns auch mal eine andere Herangehensweise aufzeigst. Für uns war die Umstellung sicher leichter als für dich, die aus einem klassischen Publikumsverlag kommt. In einem der größten Kinderbuchverlage Deutschlands bist du 5 Jahre einen sehr bodenständigen Weg gegangen und hast zusammen mit deinen Kollegen den Kinderbuchbereich des Verlags gestaltet, Autoren ausgesucht, Geschichten entwickelt und Volontäre eingearbeitet.

 

Die Arbeit bei uns ist ja total anders und auch dein Aufgabenfeld. Hast du dich gut eingelebt und in die neuen Strukturen eingefunden?

Gleich eine Fangfrage! Doch, ich denke schon, dass ich mich gut eingefunden habe – jedenfalls stehe ich nur noch selten völlig ahnungslos vor Aufgaben oder Fragen von Autoren. Und ich genieße die lockere, lustige und trotzdem superproduktive Arbeitsatmosphäre sehr.

 

Was ist die größte Veränderung in deinem täglichen Arbeitsablauf für dich?

Die nicht mehr langfristige Projektplanung. Hier läuft ein Projekt auch mal in wenigen Wochen durch, früher war die normale Projektplanung auf eineinhalb Jahre angelegt. Würde ich noch an meinem alten Schreibtisch sitzen, würde ich mich jetzt mit den Büchern für 2020/21 beschäftigen und Illustratoren buchen.

 

Was gefällt dir an deinem neuen Job und was vermisst du an deinem alten?

Die unfassbar kurzen Entscheidungswege und die direkte Kommunikation sind Gold wert. Es gibt kaum Fragen, die nicht in wenigen Minuten geklärt sind. Am meisten vermisse ich die inhaltliche Arbeit an Manuskripten, das mit Autoren gemeinsam-an-Geschichten-basteln.

 

Nun ist es sicher etwas verzwickt, Fragen zu den negativen Aspekten deines Job zu beantwortet, wenn dein Interviewpartner ein Kollege ist und das Interview im eigenen Blog erscheint, aber dennoch: Was magst du gar nicht leiden? Bereust du es, dem klassischen Verlag den Rücken zugekehrt zu haben für SEP?

Nein, ich mag es, Autoren ihre Bücher so zu gestalten, wie sie sie sich wünschen. Natürlich waren früher auch viele Autoren glücklich mit ihren Büchern, aber es gab auch Situationen, wo ich Verlagsentscheidungen gegenüber Autoren und Illustratoren vertreten musste, die den Schaffenden (und mir) nicht gefallen haben und so gingen Bücher mit Covern oder Titeln in den Druck, die den Autoren Bauchschmerzen gemacht haben.

Ich finde es schön, dass wir Autoren ihren Traum vom eigenen Buch erfüllen können, die in einem Publikumsverlag nicht untergekommen sind, die ja kaum neue, unbekannte Autoren aufnehmen. Gleichzeitig mache ich mir immer ein wenig Sorgen, dass wir eigentlich schon zu viele Bücher auf dem Markt haben und es so immer schwieriger wird, Bücher erfolgreich zu verkaufen und so natürlich viele Autoren enttäuscht werden. Der Buchmarkt wird immer enger und es ist wichtig, nicht mit übersteigerten Erwartungen zu starten – aber das gilt für Self-Publishing-Autoren ebenso wie für die Publikumsverlage und deren Autoren. Auch da ist der Erfolg nie groß genug.

Für beide Verlagsarten ist es schwierig und geradezu unmöglich den tatsächlichen Verkauf eines Buches vorherzusagen und Enttäuschungen gibt es immer. Der Unterschied jetzt ist, dass ich nicht mehr persönlich dafür verantwortlich gemacht werde, wenn sich ein Buch nicht verkauft – schnell wird bei Misserfolg das Lektorat kritisiert, weil es nicht das richtige Thema, nicht der richtige Autor, nicht der richtige Illustrator, nicht der richtige Titel, nicht der richtige Zeitpunkt etc. für den Bucherfolg war. Auch wenn daran wirklich noch andere Dinge hängen, auf die man als Lektor keinen Einfluss hat und man sowieso nie eine Entscheidung ohne Geschäftsführung und Marketing getroffen hat. Hier ist das anders. Hier ziehen wir alle an einem Strang, es gibt keine Schuldzuweisungen und wir versuchen zusammen, unsere Bücher bestmöglich zu platzieren.

 

Wir sind ja schon ein sehr eigensinniges Unternehmen, dass gerne einfach mal etwas ausprobiert und auch seinen Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, eigene Ideen umzusetzen und über das eigene Arbeitsumfeld hinauszuschauen. Ist das was, das dir grundsätzlich gefällt und hast du schon deinen »Nutzen« daraus ziehen können, etwas freier zu arbeiten?

Ich habe das wohl noch nicht so genutzt, wie ich könnte. Meine Gewöhnungsphase scheint da sehr lang. Es hat mir nie so viel ausgemacht, in etwas strengeren Strukturen zu arbeiten, auch wenn mein alter Arbeitgeber es da ein bisschen übertrieben hat – es gab für alles Arbeitsanweisungen. Ganz wichtig waren beispielsweise die Größe der Tackernadeln und der Winkel, in dem man die Blätter tackert. Da braucht man eine Weile, um zu verstehen, dass man wirklich alles hinterfragen darf. Mal sehen, ob ich das noch lerne.

 

Wenn du dir für deine berufliche Zukunft bei uns etwas wünschen dürftest, was wäre das? Und hast du Ziele, die deine Persönlichkeit betreffen? Möchtest du irgendetwas ändern?

Ich fände es schön, wenn ich meine Erfahrungen, vor allem natürlich aus dem Kinderbuch, noch weiter für die kleinen Qualitätsdinge einbringen kann und Autoren sich vielleicht auch einmal auf eine Titel- oder Coverdiskussion einlassen. Und vielleicht schafft es mein Kopf ja raus aus den Strukturen und ich habe endlich die zündende Idee, wie wir unsere Bücher noch erfolgreicher in die Buchhandlungen bringen.

 

Gerade wir ja wieder sehr hart spekuliert, wie sich die Branche entwickelt. Einige prognostizieren den Untergang des gedruckten Buches, andere der Verlage, wieder andere schimpfen auf Sepler und Amazon und Co, während viele darin die Zukunft sehen. Wie hast du die Branche in den letzten Jahren erlebt und was denkst du muss sich ändern oder verbessern, damit wir alle nebeneinander und miteinander existieren können?

Ich glaube nicht, dass das gedruckte Buch untergeht – es wird bestimmt weniger wichtig und viele Verlage und Buchhandlungen werden es nicht schaffen, aber so war es auch schon immer in der Geschichte. Verlage, Buchhandlungen und Kunden müssen wieder besser zusammenfinden und dass das so schwer ist, finde ich schade und auch verwunderlich. Durch die Buchpreisbindung sollte der Onlinehandel hier ein kleineres Problem sein als in den USA oder England und trotzdem wissen hier viele Menschen nicht, dass ein Buch im Internet nicht billiger ist. Hier ist mehr Aufklärungsarbeit und weniger Rumjammern vielleicht hilfreich. Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden, Bücher zu verkaufen, die meisten sind eher bereit, 10 Euro für einen Kinobesuch als für ein Taschenbuch auszugeben und so ist die Schwarzmalerei auch verständlich.

Dem Self-Publishing die Schuld zu geben, ist meines Erachtens nach der einfache Ausweg, aber nicht richtig. Das Self-Publishing bedient oft andere Leser als der klassische Buchhandel und viele erfolgreiche Self-Publisher fahren heute zweigleisig, weil auch die Publikumsverlage auf sie aufmerksam werden und sie herausbringen wollen, und so erschließen sich die Autoren neue Zielgruppen. Hier auf die Vor- und Nachteile einzugehen würde mich zu weit führen – wir haben ja schon stundenlang in der Bürorunde darüber philosophiert. Kurz und knapp und fast für alles gültig wäre vielleicht, dass Zusammenarbeit und Kundenorientierung besser funktionieren würden, als das ständige Geschimpfe aufeinander.

 

 

Die Arbeit mit den Autoren macht uns allen viel Spaß, ich glaube, das kann ich für uns alle behaupten. Nichtsdestotrotz gibt es Kandidaten, die wir gerne mal auf den Mond schießen würden. Frei von der Leber: Was geht dir richtig auf den Zeiger?

Ich verstehe bei manchen ihre Anspruchshaltung und gleichzeitige Gleichgültigkeit nicht. Natürlich bezahlen sie uns für unsere Arbeit, aber ich finde, das ist trotzdem kein Grund, Manuskripte abzugeben, die aussehen wie Kraut und Rüben und wir sollen dann alles retten. Fehler ärgern uns genauso wie die Autoren. Aber wenn ein Lektor nicht nur Perspektiven ändern, sondern auch Zeitfehler und Rechtschreibschwächen ausbügeln muss und gleichzeitig noch wörtliche Rede einbaut, da diese einfach nur im Fließtext steht, sollte man sich nicht wundern, wenn man vor lauter Rot nicht mehr alles erkennt. Ich würde mir wünschen, die Autoren würden sich mehr Gedanken machen und so sauber arbeiten, wie sie das auch von uns erwarten (dürfen). Manchmal denke ich, ich bin verwöhnt, früher habe ich Logikfehler ausgebessert und den ein oder anderen Tippfehler, weil meine Autoren so gut vorbereitet und professionell waren, dass es kaum etwas zu tun gab – ein Fehler pro Seite war normal. Aber wenn es jetzt ein Fehler pro Zeile ist, frage ich mich schon, ob der Autor wirklich noch mal hingeguckt hat. Mir wäre es einfach unangenehm, mein Dokument nach dem Lektorat wieder aufzumachen und nur Rot zu sehen.

 

Was bist du für eine Lesetyp? Bevorzugst du ein bestimmtes Genre, gehst du in Buchhandlungen oder bestellst du online?

Ich gehe tatsächlich noch in die Bibliothek oder in den Buchhandel. Online bestelle ich nur englischsprachige Bücher, da sie dort einfach billiger und schneller zu bekommen sind. Ich lese gern Krimis, witzige Liebesgeschichten, die Kinderbücher meiner alten Autoren und ab und zu noch Fantasy-Jugendbücher.

 

Wie sehr beeinflusst dein Beruf deine Bücherwahl und deine Leseverhalten?

Sehr stark. Früher noch mehr als jetzt, es gab immer genug Bücher aus dem eigenen Programm, die man gelesen haben sollte oder wollte und die Konkurrenz musste man auch kennen. Ich liebe Kinder- und Jugendbücher und alle hatten eine gute Qualität, deshalb war es nicht so schlimm, dass man kaum mal dazu kam, sich selbst etwas wirklich auszusuchen und auch mal wieder ein Erwachsenenbuch zu lesen – dazu bin ich eigentlich nur im Urlaub mal gekommen. Und jetzt bin ich natürlich auch ein bisschen „vorgeschädigt“, wenn man Verlage, Mitarbeiter und Autoren kennt, da wird die Leseliste schnell lang.

 

Wenn du nicht in einem Verlag arbeiten würdest, was würdest du dann tun?

Dann würde ich mich wohl als Lektorin selbstständig machen müssen.

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