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Erlebensraum Buchhandlung – Verschläft der stationäre Buchhandel die nächste Generation?

Autorenberater, Buchhandlung

Es heißt ja, die Jugend würde nicht mehr lesen. Nicht mehr in Geschäfte gehen, alles nur noch online konsumieren … Ich glaube, das stimmt auch zu einem gewissen Teil.

Aber ist unsere klassische Buchhandlung überhaupt auf die Jugend eingestellt und attraktiv? Ich glaube nicht.

In meiner Familie gibt es einen Nachzügler: mein kleiner Bruder, 19 Jahre alt, das schwarze Schaf unter uns. Nicht weil er nicht gut in der Schule ist oder Blödsinn macht, sondern weil er in einer Gruppe, in der viel gelesen wird, nicht liest. Mag er gar nicht; nicht einmal Kurzgeschichten; nichts. Er erfüllt jedes Klischee, das seiner Generation anhaftet. Meine Cousine ist im gleichen Alter und liest, seit sie es kann. Schon mit 11 Jahren hat sie gern Krimis gelesen und wollte Pathologin werden. Jedes Buch, das ich ihr empfohlen habe, hat sie gelesen; umgekehrt kannte ich kaum eins ihrer Bücher. Nicht nur die Krimis nicht, weil das einfach nicht mein Genre ist, sondern auch die Jugendbücher, die ich eigentlich sehr gern lese. Sie hatte ihre Tipps immer von Freunden, Wattpad, Bloggern, Booktubern; also alles online. In einer Buchhandlung kaum zu finden.

Nun muss ich sagen, dass ich auch alles online einkaufe, weil es die Bücher, die ich gern lese, in einer Buchhandlung einfach nicht gibt. Das ist nicht immer die Schuld des Ladens, denn oft sind es Neuerscheinungen aus den USA oder Großbritannien, die ich mir im Original kaufe, weil ich nicht noch warten will, ob es auch in Deutschland erscheint. Auf deutsche Verlage ist ja leider auch kein Verlass mehr. Meine Lieblingsreihe von Maya Banks, KGI, wird seit Neustem auch on demand gedruckt. Prinzipiell ja kein schlechtes Prinzip, führt aber in der Regel dazu, dass es noch weniger in den Buchhandlungen zu finden ist. Ärgerlich, wie ich finde, aber auch verständlich. Man kann kaum verlangen, dass sich in jede Filiale 5 Exemplare eben genau dieses Buches befinden.

In Buchhandlungen arbeiten Menschen, die möchten am Ende des Monats ja auch ihr Gehalt bekommen, der Besitzer muss die Miete bezahlen, die Bücher und Steuern; es ist schon klar, dass nicht jedes Buch, das auf dem Markt landet, Platz im Regal findet, sondern eher die, die gefragt sind und sich garantiert verkaufen. Aber verschließt sich der stationäre Buchhandel damit nicht einer ganzen Generation Autoren und Leser?

Meine Lieblingsautorin Marah Woolf steht mit ihren Büchern aktuell überall in den Läden, obwohl sie anfangs niemand haben wollte und dabei sind ihre Bücher online weggegangen wie warme Semmeln. Ihre Community hat im Netz dafür gesorgt, dass sie erfolgreich wurde und nun, da es passiert ist, lassen sie auch Verlage und der stationäre Buchhandel in ihre Kreise. Ist das nicht etwas engstirnig gedacht? Gerade von denen, die sich immer auf die Fahne schreiben, sie würden das suchen und raussuchen, dass die Masse anspricht und sich auch garantiert verkauft?

Vor ein paar Tagen bekam ich ein Schreiben von einer Buchhandlung, in dem stand, dass sie nur Bücher von Verlagen aufnehmen, da die Leser professionell gemacht Bücher haben wollen und keine unbekannten Autoren lesen. HALLOOO – das ist doch Blödsinn – mit Verlaub. Natürlich ist es immer ein Wagnis, mal einem neuen Gesicht eine Chance zu geben, aber es spricht doch nichts dagegen, mal ein Buch zu lesen, dass ein neuer Autor oder ein kleiner Independent-Verlag anbietet und es bei Gefallen auch ins Sortiment aufzunehmen. Und der Autor ist auch nur so lange unbekannt, wie er kleingehalten wird. Stelle man sich vor, eine Buchhandlung hätte ihre Tore schnell für Marah Woolf geöffnet; wie viele Bücher die hätten verkaufen können. Und wie viele junge Leser sich auf einmal in so einem Laden aufhalten würden … Meint ihr nicht? Oder ist das nur mein Wunschdenken?

Ich frage mich manchmal, was eigentlich so schwer daran ist, mit der Zeit zu gehen und offen für Neues zu sein?! In meinem Job bekomme ich beinahe täglich Anfragen von Kindern, die Bücher geschrieben haben und nun gern veröffentlichen möchten oder gern mal ein Praktikum bei einem Lektor oder in einem Verlagshaus machen würden, oder Anfragen von Lehrern, die gern mal eine Druckerei besichtigen möchten, weil ihre Schüler sich dafür interessieren, wie Bücher entstehen. Das finde ich wirklich wunderbar und zeigt doch, dass das Interesse an Büchern nach wie vor ungebrochen ist.

Besonders beeindruckt bin ich immer von der Qualität der Manuskripte, die ich von Kindern erhalte. Da sind teilweise wahnsinnig gute und professionelle Sachen dabei, die einige Anfragen von Erwachsenen sowas von in den Schatten stellen. Es wird also gelesen und geschrieben in der nächsten Generation. Und ja, das passiert im Internet, aber seien wir mal ehrlich. Wieso verteufeln wir das? Wir sind alle ständig im Internet. Sie lesen diesen Beitrag ja auch grad online. 

Wieso machen wir uns die Mobilität und Interaktivität der Jugend nicht zu Nutze? Ist es wirklich so schwer, beides miteinander zu verbinden? Kann es nicht einen klassischen Buchladen geben, der auch digitale Möglichkeiten anbietet und sich auch »jungen Plattformen« gegenüber aufgeschlossen zeigt?

Ich fände es toll, wenn es in Buchhandlungen WLan und Hotspots geben würde. Was spricht gegen einen Bereich, in dem Säulen mit Tablets stehen, an denen man einfach nach Büchern suchen kann, die es in dem Laden nicht gibt. Man könnte einen eigenen Käuferaccount anlegen, der Käufer füllt seinen Warenkorb und bestellt, wenn er ein neues Produkt entdeckt hat, dass es im Laden vor Ort noch nicht gibt. Ein paar Tage später sind die Bücher da und die Buchhandlung hat verkauft und einen neuen Kunden gewonnen. Und ich bin recht sicher, dass unter Zeitnot leidende Kunden auch einen Versandservice nutzen und bezahlen würden. 

Wie abgefahren wäre es, wenn Kids und Erwachsene sich in Lesesessel fläzten würden, im Laden auf einem der Tablets vielleicht sogar direkt ein gerade gekauftes E-Book lesen und Kaffee trinken oder online Geschichten von Unbekannten konsumieren, die Bücher aus dem Laden anschauen und sich austauschen würden. Natürlich wird nicht jeder Besucher auch gleich ein Buch kaufen, aber selbst, wenn es nur jeder 3. machen würde, entstünde doch eine tolle Gemeinschaft, die uns auch wieder weg vom reinen digitalen Austausch brächte. In meiner Vorstellung hat das etwas sehr Angenehmes und eine Atmosphäre, in der ich mich gern aufhalten würde und mich auch zum Kauf anregen würde. Hugendubel wagt mit so einer Art Shop gerade ein Experiment in München. Ich finde das super und hoffe, dass das neue Konzept aufgeht. Denn mal ehrlich, wer möchte auf den Besuch einer schönen Buchhandlung verzichten? 

Was braucht eine Buchhandlung für euch, damit ihr regelmäßig dort einkauft? Gibt es diese bereits bei euch im Ort? Habt ihr einen Laden, in dem ihr euch schon jetzt gut aufgehoben fühlt? Bei mir wäre es das Kulturkaufhaus Dussmann. Es gibt dort ein nettes Café, in dem ich total gern Kuchen esse und Kaffee trinke oder auch ein Glas Wein. Ich kann stundenlang durch die Regale stöbern, im English Bookshop Neues entdecken, Platten hören und auch Tüdelkram kaufen, den ich sonst sicher nicht entdeckt hätte. Ich kaufe immer etwas ein. Trotzdem ist es für mich nicht DER ideale Partner. Denn ich bekomme eben nicht ungefragt die Bücher, die auf meiner digitalen Wunschliste stehen. Und jetzt werden sicher viele denken, wieso bestellt sie diese nicht einfach vor Ort und holt das Buch dann ab?! Sicher könnte ich das machen, aber in einer Stadt wie Berlin fährt man auch gern eine halbe Stunde eine Strecke hin und da müsst ihr doch zugeben, dass, wenn ich eh online recherchieren muss, welches Buch bald rauskommt oder gerade erschienen ist, es einfacher ist und schneller geht, wenn ich das dann auch gleich in meinen Warenkorb lege und bestelle. Oder? Wieso soll ich also erst eine halbe Stunde recherchieren, dann eine Stunde fahren und am nächsten Tag wieder? Und die Buchhändlerin bei mir um die Ecke ist leider so unfreundlich, dass ich das einmal gemacht habe und nie wieder. Ich versuche immer, meine Einkäufe gleichmäßig zu verteilen – stationär und online. Ich glaube auch, dass beide Varianten gut sind und ihre Berechtigung haben. Ich würde mir einfach nur wünschen, dass gerade die klassischen Buchhandlungen, die gern mal über Kundenrückgang klagen, etwas offener wären und eben nicht nur darauf warten, dass Verlag XY den nächsten Harry Potter raushaut und die Einnahmen dann gesichert sind. Gerade wenn wir die Jugend für Bücher und stationären Handel gewinnen möchten, müssen wir alle etwas mehr mit der Zeit gehen. Und für die mittlere und ältere Generation sollten Service und vor allem Freundlichkeit wieder ganz oben auf der Liste stehen. Denn das Persönliche ist doch neben Know-how und einer tollen Atmosphäre das, was uns immer wieder in den Laden zieht und uns zum Kauf eines weiteren Buches verführt. Oder?

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