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Gibt es einen Massengeschmack bei Büchern? – Teil 2

Noch einmal widme ich mich der Frage, ob es einen Massengeschmack bei Büchern gibt und wie genau dieser wohl aussieht. Genaue Werte ließen sich bei meiner Internetrecherche leider kaum finden. Jetzt habe ich meine Recherche ausgeweitet.

Mittels einer Umfrage habe ich Informationen zu den Bücherkauf-Gewohnheiten der Leser erhalten.

In einem Telefongespräch mit der geschäftsführenden Gesellschafterin von QualiFiction und über die Website habe ich Einblicke in die Nutzung der LISA-Software erhalten, die unter anderem den Bestseller-Score eines Buches berechnet.

 

Im ersten Schritt meiner Recherche habe ich eine Vielzahl von Buchhandlungen und Agenten angeschrieben und ihnen die Frage, nach dem Massengeschmack gestellt, beziehungsweise welche konkreten Merkmale diesen definieren könnten. Leider erhielt ich keine einzige Antwort. Ich fragte mich also, ob mehr dahinter stecke. Wollte sich lediglich niemand die Zeit nehmen, mir zu antworten? Oder gibt es keine Antwort, die man mir geben könnte und ein Massengeschmack bei Büchern existiert nicht, beziehungsweise er ließe sich nicht in Worte fassen?

Dass ich keine Angaben erwartete, die hundertprozentigen Erfolg versprechen, versteht sich von selbst. Aber es muss doch zumindest eine Richtung geben, mit der man eine höhere Chance auf gute Verkaufszahlen hat oder etwa nicht?

 

Kommen wir also zu Schritt zwei meiner Recherche: Die Umfrage. Leser im Alter von 19 bis 60 Jahren haben sich den 21 Fragen meiner Umfrage gewidmet.(1)

Die meisten TeilnehmerInnen gaben an weiblich zu sein, was erneut die Erkenntnis aus meinem vorherigen Artikel zum Massengeschmack bekräftigt, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Buchkäufer um Frauen handelt.

Beim Kauf der Bücher legen die Teilnehmer besonderen Wert auf Genre und Klappentext. Verlag und Bestseller-Status dagegen wurden als eher unwichtig wahrgenommen.

Die Stimmung sollte bevorzugt ein Ausgleich zwischen düster und heiter darstellen, jedoch einen eher positiven Anklang in der Gesamtstimmung haben. Dies wird auch deutlich in der klar erkennbaren Tendenz zu einem bevorzugten Happy End und dem Vorhanden-Sein einer Liebesgeschichte.

Bei der Frage, was die Leser an dem letzten Buch, das sie gelesen haben, gestört hat, ergaben sich sehr individuelle Antworten, schließlich handelte es sich bei den Büchern auch um komplett verschiedene Werke, die meist nicht einmal aus den gleichen Genres stammte. Von Mystery-Thrillern, wie „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ über historische Romane, wie „Die steinerne Schlange“, bis zu Fantasyschmökern, wie „Drachenelfen“, waren die unterschiedlichsten Gattungen vertreten. Jedoch wurden bestimmte Aspekte auch mehrmals genannt. Eine übermäßige Länge der Geschichte, zu lange, unübersichtliche Handlungsstränge und zu viele Perspektivenwechsel waren die Hauptstörfaktoren, die von den Teilnehmern aufgeführt wurden. Beim Schreiben lässt sich leicht, ein zu häufiger Wechsel der Perspektive vermeiden. Auch chaotische Handlungsstränge sind mit einer sorgsamen Planung einfach umgangen. Doch ab wann ist ein Buch zu lang? Wie viele Seiten sollte es mindestens haben? Je nach persönlichem Lieblingsgenre fällt dieser Wert unterschiedlich aus. Doch bei Triller/Krimis, Liebesromanen und historischen Romanen, die von den Teilnehmern als bevorzugte Genres angegeben wurden, stellen durchschnittlich 400 Seiten einen idealen Durchschnitt da.

50% der Teilnehmer haben schon einmal den Kauf eines Bestsellers bereut. Die aufgeführten Werke waren sehr verschieden, doch auch hier ließen sich Hauptkritikpunkte feststellen: Die Verwendung zu vieler Klischees, die Geschichte war nicht packend genug oder einfach zu detailverliebt, langatmig und insgesamt anstrengend zu Lesen. Und trotzdem haben es Bücher, wie „Es“ von Stephen King, „Die Säulen der Erde“ von Ken Follet und „Die Frauen vom Löwenhof“ von Bomann auf die Bestseller-Listen geschafft.

Was ist es also, was die Bücher, die die Teilnehmer immer wieder kaufen würden, so grandios macht? Es sind die einzigartigen, tiefgründigen Charaktere, die spannenden, innovativen und fesselnden Handlungen, der Humor und die mitreißenden Liebesgeschichten, die aus Büchern, absolute Favoriten machen. Auch wenn Bücher, wie die Harry Potter-Reihe genannt wurden, sind viele der anderen Werke, keine Bestseller. Denn schließlich ist auch der Massengeschmack, eben nur der Durchschnitt aus den Geschmäckern sämtlicher Leser.

 

Qualifiction ist der Anbieter der LISA-Software die eine Analyse von Texten und die Vorhersage von Bucherfolgen bietet. Dahinter steckt keine Wahrsagerei. Online lässt sich folgende Erklärung finden: „Auf Grundlage von Künstlicher Intelligenz (KI) stellt unsere Software einen Zusammenhang zwischen den Erkenntnissen aus bereits bestehenden Werken und deren Kennzahlen aus Abverkauf und Bestseller-Platzierung her. Dieser Zusammenhang wird auf neue Manuskripte angewendet und eine Erfolgsprognose ermittelt.“ Im dritten und letzten Schritt meiner Analyse habe ich mich mit dem Algorithmus der Gründer Gesa Schöning und Ralf Winkler auseinandergesetzt. In einem Telefongespräch mit Gesa Schöning hatte ich die Möglichkeit, meiner Frage nach dem Massengeschmack weiter auf die Spur zu gehen.

In dem Gespräch wurden mir einige Punkte genannt, die auch schon in meiner Umfrage deutlich wurden. Ein Happy End wird meist bevorzugt. Doch auch offene Enden kommen gut an. Die Stimmung sollte insgesamt nicht zu düster ein. Der Leser braucht von Zeit zu Zeit Erleichterungsmomente. Auf Perspektivenwechsel sollte eher verzichtet werden.

Ein Konflikt ist natürlich immer notwendig, aber er sollte eben nicht ständig übertrumpft werden und die Dramatik bis ins unermessliche und unrealistische gesteigert werden. Die ideale Seitenzahl liege bei um 300 Seiten, etwa neunzigtausend Zeichen und demnach weniger, als aus meiner Umfrage hervorging. Eine Ausnahme stellen jedoch Fantasy-Romane dar, bei denen eine umfangreichere Geschichte erfolgversprechender ist.

Auch der Anteil direkter Rede spiele eine bedeutende Rolle. Ein Richtwert entspricht in etwa 30%, bei Liebesromanen kann der Anteil auch etwas größer sein.

Bei dem Inhalt des Buches gelte eine alte Faustregel: Man solle 60% Altbekanntes mit 40% Neuem/Innovativen vereinen. Damit die Geschichte übersichtlich und vom Leser verfolgt werden kann, ist es wichtig nicht zu viele verschiedene Themen in die Handlung mit einzubauen beziehungsweise zu zwängen. Etwa 5 Hauptthemen bieten eine ausreichende Grundlage für eine abwechslungsreiche Geschichte, ohne dass diese Gefahr läuft, ein oberflächliches Chaos zu werden.

Zurzeit ist die Konzentration auf starke weibliche Protagonisten, ein sehr beliebtes Mittel. Bei älteren Frauen, als Zielgruppe, seien es aber auch Geschichten über entzweite Freundinnen oder Schwestern, die sich erfolgreich vermarkten lassen.

Bei den Personen sollten vor allem drei Charaktere in den Mittelpunkt gestellt werden. Eine Hauptperson, bzw. ein Erzähler, sowie zwei Bezugspersonen. Die Hauptperson sollte schließlich nicht alleine sein, sondern durch gut ausgebaute Beziehungen ergänzt werden.

 

Was neben all diesen Aspekten jedoch nicht fehlen darf und was eben weitaus schwieriger zu definieren ist, als beispielsweise die Seitenzahl, ist der persönliche Fingerabdruck des Autors. Schwer definierbar aus dem Grund, dass dieser Fingerabdruck so individuell wie ein Autor selbst ist.

 

Ich hab mich infolge des Gesprächs auch auf der Internetseite von QualiFiction umgeschaut. Mit dem kostenlosen Demo-Account kann man sich an zwei Beispielromanen einen Überblick über die Analyse der LISA-Software verschaffen. Mittels Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ erhält man einen Einblick in eine Thriller-Analyse und auch ein Liebesroman, Nina Georges „Das Lavendelzimmer“, ist als Beispiel aufgeführt.

In 4 Schritten werden die Geschichten auf ihre Bestsellerqualitäten geprüft: Die Themenanalyse, die Sentimentanalyse, Stil & Statistik und Figuren & Beziehungen.

 

In Diagrammen werden immer drei Werte angegeben. Der Dokument-Wert des analysierten Textes, das Genre-Mittel, welches die Bereiche anzeigt, in denen Verlagspublikationen im Mittel angesiedelt sind und das Bestseller-Mitte, was den jeweiligen Durchschnittswert des Genres anzeigt.

 

Interessant ist dabei, dass auch wenn die Gerne-Mittel und Bestseller-Mittel meist nah beieinander liegen, sich der Bestseller-Mittel-Wert erkennbar abhebt. Daraus lässt sich schließen, dass sich bei Bestsellern eben doch ein Muster, gewisse Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Bei Thrillern ist beispielsweise das Genre-Mittel bei 99591 Wörtern. Das Bestseller-Mittel dagegen liegt bei 117239 Wörtern.

Besonders interessant ist dabei meiner Meinung nach die Sentimentanalyse. Das ‚Sentiment‘ ist ein Wert auf einer Skala von -1.0 bis +1.0. Die Software zeigt den Handlungsverlauf kurvenartig auf der Skala an, abhängig davon, wie viele positive, beziehungsweise negative Sätze an den jeweiligen Textstellen verwendet wurden.

Dabei lassen sich beispielsweise Werte ablesen, wie:

Liebesroman: Mittleres Sentiment -0,20, Sentimentänderungs-Geschwindigkeit 0,047

Thriller: Mittleres Sentiment -0,27, Sentimentänderungs-Geschwindigkeit 0,045

 

Nun stellt sich selbstverständlich die Frage, wie diese Werte während des Schreibprozesses genutzt werden können und nicht erst danach. Der Schreibfluss ist häufig aus den verschiedensten Gründen gehemmt. Wenn man dann auch noch versucht mathematisch zu berechnen, ob es nicht wieder Zeit für ein positiv belegtes Wort wäre, kommt man auch nicht weiter und erhält im besten Fall einen starren Text ohne Leben, der sich liest wie eine Bedienungsanleitung.

Was man jedoch gut erkennen kann, ist, dass der durchschnittlich erfolgreiche Liebesroman keine allzu heftigen Spannungsmomente enthält und die Stimmung häufiger schwankt.

Beim Thriller sind es längere Spannungsaufbauten mit sehr dramatischen Passagen.

Es gibt also je nach Genre bestimmte Muster, die besser oder eben schlechter funktionieren. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Liebesroman der eine andere Richtung einschlägt, zum Scheitern verurteilt ist. Dass ein Sad End sich niemals verkaufen wird.

Aber es gibt eben doch einen Massengeschmack. So wie sich in den Musikcharts viele Lieder in bestimmten Punkten ähneln, kann man also auch bei den Bestsellern in den Genres gewisse Gemeinsamkeiten feststellen.

 

Wer sein Buchprojekt oder auch eine seiner bereits veröffentlichten Geschichte auch einmal analysiert haben will, kann sich auf der Website(2)einen genaueren Überblick verschaffen. Vielleicht entdecken Sie, dass Ihre Geschichte zu düster ist für einen Liebesroman. Ob und in welchem Ausmaß Sie letzten Endes etwas an Ihrem Buch ändern, bleibt dabei schließlich ganz Ihnen selbst überlassen. Auch sollten Sie, meine hier präsentierten Ergebnisse nicht abschrecken, Ihre innovativen, aus der Reihe fallenden Gedanken in Ihrem Werk umzusetzen.

 

Noch ein Hinweis. Ein Bestseller-Score von 100% ist anscheinend nicht notwendig. Die beiden Beispiel-Manuskripte, die in der Demo-Version einsehbar sind, erreichen einen Score von 94% (Sebastian Fitzek „Passagier 23“) und 84% (Nina George „Das Lavendelzimmer“) und haben es beide auf die Bestsellerlisten geschafft.

 

 

 

Hier noch einmal meine Ergebnisse als Übersicht:

  • kein Perspektivenwechsel
  • Er-/Sie-Erzähler
  • etwa 300-400 Seiten, Ausnahme: Fantasyromane
  • beliebte Genre: Thriller/Krimi, Liebesroman, Historischer Roman
  • 60% Altbekannt, 40% Was Neues
  • Sprache nicht zu abgehoben, moderat, ausgewogen
  • Direkte Rede um die 30%
  • Sinusförmiger Stimmungsaufbau
  • Happy-End
  • Liebesgeschichte
  • Nicht zu düster, auch Erleichterungsmomente

 

 

Quellen:

(1) https://www.umfrageonline.com/s/eca6f1c

(2) https://www.qualifiction.info

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